Disclaimer: Dieses Gespräch wurde bereits am 26. Februar 2026 geführt.
Sie sind im Salzburger Land aufgewachsen und haben als Jugendlicher für lokale Medien geschrieben. Welche Erfahrungen aus dieser frühen journalistischen Tätigkeit prägen Ihren Blick auf öffentliche Debatten und die Art, wie Sie heute als Notenbanker kommunizieren?
Ich habe auch eine Zeit lang bei Studentenzeitungen mitgearbeitet. So habe ich ein Gefühl dafür bekommen, welche Fragen gestellt werden. Ich habe auch für lokale Zeitungen und Magazine gearbeitet, aber nie Politik- oder Wirtschaftsberichterstattung im klassischen Sinn gemacht. Die Grundlagen von journalistischem Arbeiten zu kennen, hilft aber natürlich. Auch dabei, Gedanken zu ordnen und in möglichst prägnanter Form Information zu vermitteln. Als Wissenschaftler habe ich dann viel darüber gelernt, wie man komplexe Sachverhalte einfach, schnell, aber trotzdem einigermassen differenziert erklären kann. Das hilft natürlich auch in einer Position wie jener des Nationalbankgouverneurs, in der man immer wieder komplexe Sachverhalte darstellen muss und Dinge nicht zu stark vereinfachen sollte, weil das dem Sachverhalt nicht gerecht wird.
Sie haben lange in der Wissenschaft gearbeitet, in der Politik Verantwortung übernommen und sind nun wieder in einer institutionell unabhängigen Rolle – welche dieser Stationen hat Ihren Blick auf Wirtschaft am stärksten geprägt?
Die Summe macht es äusserst spannend. Die wissenschaftliche Beschäftigung hat mir sehr geholfen, gewisse Aspekte zusammenhängend zu sehen und besser zu verstehen. Ich bin daher sehr froh, dass ich mich dafür entschieden habe, Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Das Studium hat mir viel Spass gemacht, und das gilt natürlich auch für die Zeit danach als Wissenschaftler. Besonders beeindruckend war es für mich, als Arbeits- und Wirtschaftsminister viele Unternehmen kennenzulernen und hinter die Kulissen schauen zu können. Das war extrem bereichernd und ein grosses Anliegen von mir, weil es eine ganz andere, sehr konkrete Perspektive auf die Dinge eröffnet. Dazu kommt der Austausch mit den verschiedensten Interessenvertretungen und Verbänden.
Nun sind es die Geoökonomie und die Makroökonomie in der Praxis, mit denen ich mich zuvor in Forschung und Konjunkturprognose bereits beschäftigen durfte. Es gibt also keinen einzelnen Aspekt, der für sich genommen der wichtigste war. Entscheidend ist die Zusammenschau, und darin liegt gelegentlich auch ein gewisser Vorteil: diese verschiedenen Sichtweisen ein Stück weit vereinen zu können.
Als Arbeits- und später auch Wirtschaftsminister durften Sie Österreich durch die Corona-Pandemie führen. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück und was hätten Sie damals anders gemacht?
Ich könnte sehr lange darüber berichten, weil es ein sehr einzigartiges Umfeld war. Ich durfte damals zuerst das Arbeitsministerium übernehmen, im Januar 2021, zum Höhepunkt der Corona-Arbeitslosigkeit in Österreich. Gleichzeitig war es auch für die Politik eine sehr ungewöhnliche Situation: keine Treffen in grösseren Gruppen, praktisch nur Videokonferenzen, auch auf europäischer Ebene.
All das hat den Beginn sehr geprägt, weil es für die Art und Weise, wie Politik normalerweise gemacht wird, sehr ungewöhnlich war. Der Fokus auf die Reduktion der Arbeitslosigkeit, die Stabilisierung des Arbeitsmarktes und die richtigen Massnahmen war sehr gross. Ebenso war der Fokus der gesamten Politik auf Wirtschaft und Arbeit überdurchschnittlich. Das war für mich ein gewisser Vorteil als zuständiger Minister.
Es war wichtig für mich, sehr rasch zu reagieren und sehr rasch Massnahmen zu setzen. Eine zweite spannende Herausforderung war dann, aus dieser speziellen Situation mit speziellen Massnahmen und Instrumenten wie der Kurzarbeit, die damals sehr wichtig war und über eine Million Jobs gesichert hat, wieder herauszukommen. Das ist ein bisschen so, wie wenn man sich an etwas gewöhnt hat und dann Gewohnheiten wieder ändern muss – bei Unternehmen und bei Beschäftigten. Das ist eine grosse Kommunikationsaufgabe und natürlich auch eine Frage des Designs, von Verhandlungen und von Politik. Aber genau daraus nimmt man sehr viel mit.
Weshalb sind Sie aus der Politik in die Oesterreichische Nationalbank gewechselt?
Ich bin sehr überraschend in die Politik gekommen, das war tatsächlich überhaupt nicht geplant. Dennoch war ich mehr als vier Jahre Mitglied der Regierung. Für mich war aber schon bei der Entscheidung damals klar, dass das nicht auf Dauer so sein wird.
Ich bin gelernter Ökonom und Wissenschaftler. Damit war klar: Die Zeit in der Spitzenpolitik wird mit voller Kraft erfolgen, aber sie wird irgendwann auch ein Ende haben. Die Frage war nur, wann das sein wird. Dann hat sich eher zufällig die Möglichkeit ergeben, sich für die Funktion als Gouverneur der Oesterreichischen Notenbank zu bewerben. Für einen Ökonomen ist die Geldpolitik in einer Notenbank eine der interessantesten und spannendsten Aufgaben. Also habe ich mich entschieden, meinen Hut in den Ring zu werfen – und das hat funktioniert.
In letzter Zeit schwankt der Euro stark und der EZB-Rat sieht sich mit geopolitischen Risiken und Handelskonflikten konfrontiert. Sie haben betont, dass bei weiterer Euro-Aufwertung eine Zinssenkung nötig sein könnte, obwohl Sie generell eine Haltung der «vollen Flexibilität» vertreten. Welche Signale müssten eintreten, damit Sie eine Anpassung des Leitzinses befürworten?
Es ist klar, dass wir im EZB-Rat unsere Politik an den Daten ausrichten, insbesondere an den Inflationserwartungen und der tatsächlichen Inflationsentwicklung. Massgeblich ist dabei das klare Ziel von zwei Prozent Inflation im Euroraum, an dem sich die angemessene Geldpolitik orientiert.
Die Frage ist dann, was diese Inflationsentwicklung und die Erwartungen beeinflusst. Der Wechselkurs ist ein Faktor. Es gibt aber auch andere Faktoren, wie zum Beispiel die Lohnentwicklung oder die Konjunktur, die noch wichtiger sind als der Wechselkurs. Wir beobachten viele Parameter. Entscheidend ist aber letztlich, wie die Inflationserwartung und die Inflationsentwicklung aussehen; aktuell sind wir sehr nahe an den zwei Prozent, und es gibt keine Indikationen dafür, dass wir uns nachhaltig davon entfernen. Somit gibt es auch keinen Grund, eine Änderung der geldpolitischen Ausrichtung zu formulieren.
Gleichzeitig ist klar, dass wir hohe Unsicherheit haben. Umso wichtiger sind volle Flexibilität und Optionalität, um schnell und überzeugend reagieren zu können, falls sich Risiken materialisieren und es notwendig wird, etwas zu tun. Das spricht für eine ruhige Hand.
Wir sehen, dass sich sowohl Konsumentinnen und Konsumenten als auch Unternehmen zurückhalten: auf der einen Seite beim Konsum und auf der anderen Seite bei Investitionen. Beides ist wichtig, um die Wirtschaft stärker anzukurbeln. Wir haben zwar eine bessere wirtschaftliche Lage im Euroraum als vor einem Jahr, aber weiterhin hohe Unsicherheit und auch noch eine relativ geringe Investitionsnachfrage im Vergleich.
Die Unsicherheit ist dabei in erster Linie nicht durch den Euroraum oder durch Entwicklungen im Euroraum getrieben. Sie ist vor allem durch internationale Entwicklungen getrieben, vielleicht auch durch historische Entwicklungen, langfristige Veränderungen oder technologische Veränderungen. Aber sie ist nicht durch etwas getrieben, das wir direkt beeinflussen könnten, wie etwa die kriegerische Auseinandersetzung im Nahen Osten.
Sie sprachen kürzlich von einem «Preisniveaueffekt»: Trotz sinkender Inflation bleibt der Konsum wegen des stark gestiegenen Preisniveaus zurückhaltend. Was bedeutet dieser Effekt für die konjunkturelle Erholung Österreichs?
Man kann die gestiegene Sparquote auf Basis der grossen Unsicherheit ökonomisch erklären. Dazu kommt aber natürlich auch eine psychologische Komponente. Darauf habe ich hingewiesen: Wenn nach einer Phase hoher Inflation das Preisniveau gestiegen ist, reagieren Konsumentinnen und Konsumenten nicht sofort auf einen Rückgang der Inflationsrate, weil sie das Preisniveau weiterhin als sehr hoch empfinden.
Selbst wenn die Einkommen gestiegen sind und die Kaufkraft erhalten wurde oder sogar gestiegen ist, haben sie das Gefühl, sich gewisse Dinge nicht leisten zu können. Es dauert – das wissen wir aus Inflationsepisoden in den letzten Jahrzehnten –, bis man sich an höhere Preise gewöhnt. Es gibt psychologische Schwellen, die überschritten werden, und dann werden gewisse Dinge nicht konsumiert. Wir erwarten aber, dass die Sparquote im Euroraum wieder sinkt. Aber sie war 2025 auf Rekordniveau, also wird es voraussichtlich etwas dauern, bis der Konsum stärker an Fahrt gewinnt.
Wenn Sie auf Ihren eigenen Werdegang zurückblicken: Welche Entscheidung war im Nachhinein besonders risikoreich, aber entscheidend für Ihren Erfolg?
Ich glaube, die Entscheidung, die einiges verändert hat, war tatsächlich jene, eine Professur an der LMU in München aufzugeben. In Bayern ist man als Professor Landesbeamter mit einer sehr guten Pensions- oder Rentenregelung und vielen anderen Sicherheiten.
Das aufzugeben für eine Stelle als Direktor eines Forschungsinstituts, die mit einer Befristung verbunden war und andere Absicherungen nicht in dieser Form hatte, war für mich keine leichte Entscheidung. Ich habe es nicht bereut, aber es war eine Entscheidung, bei der ich bewusst abwägen musste.
Unter welchen Bedingungen würden Sie wieder zurück in die Politik gehen?
Das ist leicht beantwortet: Es ist nicht vorgesehen. Ich habe meine Zeit in der Politik wirklich als sehr bereichernd empfunden. Es ist eine einzigartige Erfahrung und auch eine gewisse Verpflichtung, die man auf sich nimmt, wenn man gefragt wird. Ich sehe es als Verpflichtung eines Bürgers, wenn man gefragt wird, aber dieses Kapitel ist nun abgeschlossen. Jetzt bin ich für sechs Jahre als Gouverneur der österreichischen Notenbank bestellt. Ich freue mich, mit voller Kraft daran zu arbeiten, diese Zeit zu nutzen und möglichst alles dafür zu tun, unser Mandat bestmöglich zu erfüllen.
Was würden Sie Studierenden raten, um später erfolgreich in Wirtschaft oder Politik Fuss zu fassen?
Erstens ist es wichtig, Chancen zu nutzen. Man kann etwas tun, damit mehr Chancen auf einen zukommen, aber dann muss man sie auch nutzen. Der zweite Punkt ist, ein breites Interesse zu haben. Man weiss nie, welche Erfahrung, welcher Zusatzkurs oder welche zusätzliche Reise später einen Vorteil im Berufsleben bringt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch Dinge, die nichts mit meinem Studium zu tun hatten, später sehr hilfreich waren und mir viel mitgegeben haben. Und sie haben dann auch bei beruflichen Entscheidungen, Aufgaben und Herausforderungen geholfen.
Das schätzt man während des Studiums vielleicht nicht immer, deswegen sage ich es jetzt. Das Studium bietet viele Möglichkeiten, und man hat noch etwas mehr Zeit als im Berufsleben. Diese Zeit zu nutzen, über den Tellerrand zu schauen und Dinge zu machen, die einem Spass machen und die einen interessieren – genau dafür ist die Zeit des Studiums auch da.