Wenn Sie durch Ihre Stationen von der ÖBB über das Kanzleramt bis zurück in die «Bahnenwelt» blicken: Welcher rote Faden zieht sich durch Ihren Werdegang?
Ich glaube, zwei Dinge sind es: Leidenschaft und Neugier. Das eine ist die Riesenfreude an dem, was man tun darf, und der Versuch, es besser zu machen, als es bislang gelaufen ist. Dabei ist das «was» gar nicht so wichtig. Schönheit findet man überall. Wenn Sie mir einen Gurkenhandel anvertraut hätten, dann hätte ich versucht, den bestmöglichen Gurkenhandel daraus zu machen. Das ist immer der Anspruch gewesen. Dinge kreativer, konsequenter und auch mit grossem Einsatz zu machen.
Der zweite rote Faden ist Neugier, weil wir in einem Kosmos voller Möglichkeiten leben. Sich die Fähigkeit zu erhalten, diese Neugier zu bewahren und diese Möglichkeiten zu sehen, ist erstens etwas, was viel Spass macht, aber zweitens auch eine wichtige Voraussetzung für Erfolg.
Welche Entscheidung würden Sie heute als Ihren persönlich mutigsten Schritt bezeichnen?
Mut ist immer eine relative Sache. Als ich zur ÖBB gekommen bin, war sie in einem wirklich schlechten Zustand. In den Jahren zuvor wurde Eigenkapital verbrannt. Die Züge waren unpünktlich, ausserdem gab es Bauskandale, Finanzskandale usw. Als ich damals dorthin gekommen bin, haben viele meiner Freunde gesagt: «Du bist verrückt, mach das nicht, das ist ein Selbstmordkommando.»
Das hat mich eher motiviert. Wir haben begonnen, das Unternehmen zu sanieren und dabei den politischen Einfluss massiv gekürzt, die Hälfte der Führungskräfte abgebaut und die Struktur wesentlich vereinfacht. Dabei sind selbstverständlich viele Diskussionen und Konflikte entstanden. Damals haben viele gesagt: «Wow, das ist mutig, dass man diese Konflikte mit offenem Visier führt». Aber das wäre eine Falschdefinition von Mut. Mut wäre gewesen, weiterzumachen wie immer und zu hoffen, dass die Resultate besser wären. Das wäre mutig gewesen, um nicht zu sagen, fahrlässig. Insofern muss ich sagen, diese «Mutsache» ist immer eine Frage der Alternativen.
Vor Ihrer Zeit als Bundeskanzler waren Sie u. a. CEO der ÖBB, aktuell sind Sie CEO eines europaweiten Lok-Lessors, ELL: Was fasziniert Sie an der Schiene so, dass Sie immer wieder dorthin zurückkehren?
Es ist ein Geschäft, das wie kaum ein anderes komplex ist, weil Sie drei grosse Einflussfaktoren haben. Das eine ist der betriebswirtschaftliche. Das zweite ist der technologische: Wir reden mittlerweile darüber, dass das nicht mehr «Heavy Metal» ist, sondern im höchsten Masse auch ein datengetriebenes Geschäft geworden ist. Der dritte ist das politisch-regulatorische.
Diese Kombination aus technologischen, betriebswirtschaftlichen und regulatorischen Einflüssen macht es eigentlich so interessant, aber auch so schwierig, es erfolgreich zu führen.
Welche Rolle sollte die Bahn realistisch in der Klima- und Energiepolitik spielen, und was wird dabei oft überschätzt?
Grundsätzlich ist es so, dass der Bahnsektor in Österreich, Deutschland und der Schweiz mit Sicherheit zu den fünf Sektoren gehört, die den grössten Einfluss auf das BIP haben. Wenn Sie sich die einzelnen Sektoren ansehen, dann ist es so, dass der Verkehr jener ist in Europa, der eigentlich als einziger die Klimaziele massiv verfehlt. Wenn Sie sich die Emissionsentwicklung und den Benchmark mit 1990 anschauen, was das Basis- und Ausgangsjahr ist, muss man sagen: Im Verkehr ist eine Reduktion nicht gelungen. Die Bahn kann hier eine grosse Rolle spielen.
Es ist eine Verantwortung, die die Politik wahrnehmen muss, indem sie Geld für Investitionen zur Verfügung stellt, und die auch die Unternehmen wahrnehmen müssen, indem sie so sorgsam und effizient wie möglich damit umgehen. Wenn es einem gelingt, Bahnfahren zum Lifestyle zu machen, und in der Schweiz ist das gut gelungen, dann hat das ein Riesenpotenzial. Bahnfahren ist ein Wellnessurlaub für mich; wenn ich von Wien in den Westen Österreichs fahre, ist es traumhaft.
Seit geraumer Zeit wird in den Medien diskutiert, ob Sie in die Politik zurückkehren: Was vermissen Sie an dieser Zeit?
Vermissen ist ein grosses Wort, aber es ist eine bedeutende Aufgabe, wenn man Verantwortung übernimmt für viele Menschen. Das ist einerseits eine Bürde, in einer anderen Art und Weise auch ein unglaubliches Privileg, dass einem die Menschen vertrauen, einem diese Machtressourcen in die Hand geben und auf sein Leadership setzen.
Ich habe grossartige Erlebnisse in der Politik gehabt und möchte die Zeit nicht missen. Aber man muss das auch nicht ad infinitum machen, wenn man kein Berufspolitiker ist. Und das bin ich nicht. Ich habe Wirtschaft immer als mindestens genauso aufregend und herausfordernd erlebt wie Politik.
Wie haben Sie das politische Österreich bzw. Europa damals im Vergleich zu heute wahrgenommen?
Ich hatte die Ehre, Österreich im Europäischen Rat zu vertreten und habe erlebt, im Juni 2016, wie der Brexit passiert ist. Damals haben alle gesagt: Dies ist ein Weckruf, Europa muss sich ändern, und wir müssen die Herausforderungen der Zeit aktiv angehen. Dann ist der November gekommen und Donald Trump ist das erste Mal gewählt worden. Ich weiss noch gut: Die Regierungschefs sind damals beisammengesessen mit Sorge und haben wieder diese Botschaft formuliert: «jetzt aber».
Nur dieses «jetzt aber» ist zehn Jahre später immer noch erst langsam zu Initiativen geworden. Das ist genau das Problem, das wir haben: Dass wir in einer tatsächlichen Zeitenwende leben. Dass wir sehen, dass das Geschäftsmodell Europas zunehmend in die Brüche gerät und wir nicht in der Lage sind, Antworten zu formulieren und umzusetzen.
Die Problematik besteht darin, dass wir in einer Zeit leben, in der alle spüren, dass es Veränderungen braucht. Die einzige politische Kraft, die Veränderungen liefert – in einer negativ-destruktiven Form –, sind aktuell die Rechtspopulisten. Wenn das politische Zentrum viel an Gestaltungskraft eingebüsst hat, dann wird dies zunehmend zu einem Problem für unsere Demokratien, schlussendlich aber auch für unseren wirtschaftlichen Erfolg.
Wenn Sie sich nur ansehen, was in der Sicherheitspolitik passiert ist und die Versäumnisse, die sich Europa hier geleistet hat – und Österreich ist da absolut in dieser Reihe auch zu nennen –, dann hat das massive wirtschaftliche Folgen. Denn das, was Trump mit uns macht, diese demütigenden Handelsverträge, dieses permanente Mit-Füssen-Treten europäischer Interessen, kann er sich nur erlauben, weil wir auf der verteidigungspolitischen Seite von ihm total abhängig sind – Stichwort Ukraine.
Und was ich meine, ist, dass man in der Lage ist, die Probleme zu identifizieren, aber das Zentrum verlernt hat, politisch zu agieren, weil der einzige Massstab, der heute noch relevant ist, der Publikumszuspruch ist. Wenn man sein ganzes Handeln daran ausrichtet, dass Leute «Palmen wedeln» und um einen herumspringen, dann wird man realistisch diese Herausforderungen nicht erfüllen können.
Welche wirtschaftspolitische Debatte in Österreich wird zu emotional geführt und zu wenig faktenbasiert?
Ich denke, wir haben in Europa, und ich sage das jetzt bewusst als Sozialdemokrat, einen fantastischen Wohlfahrtsstaat aufgebaut. Ich bin stolz darauf, dass wir uns in Österreich wirklich um die Leute kümmern, die es benötigen. Nur wenn Sie 32 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt mittlerweile für Sozialaufwendungen ausgeben, dann müssen Sie sich auch die Frage stellen: Wo kommt der wirtschaftliche Erfolg her, damit wir uns das in Zukunft leisten können?
Die Frage ist: Wie können wir so wirtschaftlich erfolgreich sein, dass wir uns dieses ausgeglichene Gesellschaftsmodell auch künftig leisten können? Wir leben in einer Zeit, in der die demografischen Herausforderungen immer grösser werden, etwa die Kosten für Pensionen, Gesundheit und Pflege. Gleichzeitig wachsen die sicherheitspolitischen Herausforderungen, etwa bei der Dotierung unserer Verteidigungsaktivitäten. Und als drittes Phänomen erleben wir, dass unsere Industrie massiv unter Druck gerät. Da braucht es, wenn man so will, entschlossenere Akzente, damit wir den Wohlstand erhalten können, der die Voraussetzung ist, um in egalitären Gesellschaften leben zu können.
Ich gehöre zu den Reichen in unserem Land, unzweifelhaft, aber mir ist es wichtig, schon aus ganz egoistischem Interesse, dass wir in Österreich eine Situation haben, dass alle gut leben können und dass auch die Wohlhabenden sich nicht davor fürchten müssen, dass unter Bedürftigen Verzweiflung herrscht.
Welche Fähigkeit aus der Politik war in der Privatwirtschaft überraschend hilfreich?
Ich würde es grundsätzlich so formulieren: Wir kommen aus einer Zeit, das war die Geschichte der Nachkriegsordnung, in der wir in unserer Gesellschaft ein Primat der Wirtschaft hatten. Wenn grosse Unternehmen wirtschaftliche Interessen hatten in Österreich, eine Voest zum Beispiel, in Deutschland Volkswagen, BASF, Bayer, you name it, dann war es eigentlich klar, dass das Interesse der Wirtschaft so etwas wie die Staatsräson war.
Das heisst, die Politik hat sich unabhängig von parteipolitischen Ausrichtungen um diese Anliegen gekümmert und hat versucht, Lösungen zu finden im Interesse der Arbeitsplätze und der Wertschöpfung im Land. Das hat sich sehr verändert, weil wir mittlerweile in einer Zeit leben, in der die Politik das Primat wieder zurückgewonnen hat. Das hat damit zu tun, dass es bei Covid plötzlich massive Interventionen der Politik in die Wirtschaft gegeben hat, die notwendig waren, um Sicherungsmassnahmen zu setzen. In dieser Phase ist die Politik wieder sehr stark intervenierend aufgetreten.
Wir haben dann den russischen Einmarsch in die Ukraine erlebt und die daraus resultierende Energiekrise. Plötzlich war die Politik viel stärker gefordert, Stichwort Inflation, und wir haben, auf die Frage, die Sie am Eingang gestellt haben, auch in der Klimapolitik erlebt, dass die Politik viel stärker in der Wirtschaft interveniert hat als in der Vergangenheit. Was ich damit meine, ist: Wenn Sie heute ein Unternehmen erfolgreich führen möchten, dann können Sie das nur tun, wenn Sie Verständnis für die Politik beziehungsweise für die Geopolitik haben, weil da Herausforderungen lauern, die jeden einzelnen Tag das Wirtschaften schwerer machen.
Wir erleben alle dieses Mega-Chaos, das die Zollpolitik der Amerikaner verursacht. Dem sind Unternehmen ausgesetzt, dem sind Volkswirtschaften ausgesetzt. Wenn Sie ein besseres Verständnis über diese Entwicklungslinien haben, dann tun Sie sich leichter, auch betriebswirtschaftlich erfolgreich zu sein.
In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist der Bahnverkehr grösstenteils staatlich organisiert. Halten Sie dieses Modell für sinnvoll oder sehen Sie in mehr Wettbewerb grössere Chancen?
Ich glaube, man muss das trennen. Das eine ist die Infrastruktur, die immer eine volkswirtschaftliche Aufgabe bleiben wird, eine Aufgabe der Gesellschaft bleiben wird, weil so etwas wie profitable Infrastruktur gibt es auf dem ganzen Planeten nicht. Das heisst, da muss man entscheiden, ähnlich wie bei Krankenhäusern, Schulen, wie viel öffentliches Geld in den Sektor geht und wie er geformt wird. Anders ist es dann bei den Operateuren, also sprich bei den Cargo- und Personenverkehrsunternehmen, die diese Schieneninfrastruktur benutzen.
Europa hat sich zur Liberalisierung entschlossen. Das kann man mögen oder nicht mögen, aber da ist der Zug der Zeit abgefahren. Wenn Sie sich gerade den Güterverkehr anschauen, ist das eine riesige Erfolgsgeschichte. Wir haben in Deutschland über 500 Unternehmen auf dem Markt, in Österreich über 100 Unternehmen. Die Deutsche Bahn, beispielsweise, hat nur noch einen Marktanteil im Güterverkehr von 35 Prozent, den Rest teilen sich die Wettbewerber. Dies hat eindeutig positive volkswirtschaftliche Effekte und Effizienzgewinne.
Was würden Sie Ihrem 20-jährigen Ich über Karriereentscheidungen zwischen Politik und Wirtschaft sagen?
Das sind zwei Dinge. Das eine ist die Neugier zu bewahren, so viel Wissen wie möglich anzusammeln, in den unterschiedlichsten Sektoren. Das kann Wirtschaft, Kultur, Politik, Geschichte oder Fussball sein. Also Sie nehmen aus allen Erfahrungen, wenn Sie Ihre Sinne und Ihre Rezeptoren offen haben, unglaublich viel mit, das Sie irgendwann einmal später in Ihrem Leben verbinden können.
Das zweite ist ein Ratschlag, den nicht alle immer gerne hören, aber den alle, die bei mir in einer frühen Karrierephase vorbeigekommen sind, gehört haben: Management ist ein Kreativjob und Kreativität ist eine Funktion von Wissen. Das ist nicht so, dass Sie die Muse küsst, wenn Sie am Sofa sitzen, sondern das ist eine Funktion von Wissen, und Wissen erarbeitet man sich durch Fleiss.
Am Ende ist es genau das: Wenn Sie kreativ sein wollen, wenn Sie Ihr Geschäft, egal wo es ist und was es ist, erfolgreich führen wollen, dann müssen Sie einfach die Zeit investieren, um so viel wie möglich Wissen aufzubauen, um dann bessere Entscheidungen treffen zu können. Da führt kein Weg dran vorbei. Jeder, der glaubt, dass das Networking entscheidend ist, jeder, der glaubt, dass das geht mit einem Cocktailglas in der Hand, mit ein paar guten Kontakten – vergessen Sie es. Das funktioniert eine Zeit lang. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, um Warren Buffett zu zitieren, an dem man sieht, wer bei Ebbe ohne Badehose schwimmt.
Welche Frage wird Ihnen in Interviews Ihrer Meinung nach zu selten gestellt, obwohl sie eigentlich von zentraler Bedeutung wäre?
An der Politik gibt es immer etwas Persönliches, wenn man so will. Das war die Zeit, als ich mir wirklich gedacht habe: Was diskutieren wir da? Da reden wir über Egos, über den Nasenfaktor, ob jemand eine schiefe Krawatte hat oder nicht. Aber wir reden selten darüber, was die Politiker eigentlich aus einem Land machen wollen.
Das ist ein selbstreferenzielles Geschäft geworden, was gleichzeitig aber auch die grossen Probleme schafft. Wir reden nicht mehr über das, wofür wir bereit sind aufzustehen und einzustehen. Das würde ich mir, wenn es um politische Diskussionen geht, viel mehr wünschen.