S&P 500
DAX
Nikkei 225
Hang Seng
EUR/USD
[gtranslate]
© F.A.Z.

«Comments are free, facts are sacred»: Gerald Braunberger über Wirtschaftsjournalismus

Start

Sie sind seit mehreren Jahrzehnten bei der Wirtschaftsredaktion der F.A.Z. tätig und seit 2019 einer der vier Herausgeber. Was hat Sie nach dem Studium in den Journalismus gezogen?

Das Interesse am Schreiben in Verbindung mit Themen wie Wirtschaft, aber nicht nur mit ökonomischen Themen. Ich habe während des Studiums als freier Mitarbeiter für zwei Lokalzeitungen begonnen, damals im Sportbereich.

Das war nicht ungewöhnlich: Es gab viele lokale Sportereignisse, aber die konnten nicht alle durch festangestellte Redaktoren abgedeckt werden. Das hat mir viel Spass bereitet.

Nach dem Studium wollte ich das, was mir Spass bereitete, zum Beruf machen. Es ist nicht nur das Interesse an Themen wie Wirtschaft, sondern auch das Interesse am Schreiben. Als ich Journalist wurde, gab es in meiner Generation viele, die sagten: Ich werde Journalist, um die Welt zu verbessern.

Das war für mich kein Punkt. Mich hat einfach das Medium interessiert, die Themen und das Schreiben.

Welche Erfahrung aus Ihrer Zeit als Paris-Korrespondent hat Ihr Bild von Wirtschaft und Politik am stärksten geprägt?

Die Erkenntnis, wie stark Kultur, Tradition und Geschichte das Wirtschaftsdenken, die Wirtschaftspraxis und auch das Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft prägen. Frankreich ist in dieser Hinsicht völlig anders als Deutschland. Das hängt mit der französischen Zentralisierung zusammen, während Deutschland eher einen föderalen Charakter hat.

Und das prägt die Menschen. Deswegen lässt sich nicht einfach sagen, überall sollten gleiche Wirtschaftsstrukturen gelten. Diese Prägungen sind wichtig, und die muss man respektieren.

Daraus folgt auch eine Erkenntnis der Möglichkeiten, aber auch der Grenzen einer Zusammenarbeit über Grenzen hinweg. Man sieht anhand der deutsch-französischen Zusammenarbeit, was möglich ist, aber auch, wo es keine grossen Überschneidungen gibt.

Konkret: Ich bin immer ein Anhänger einer Währungsunion gewesen, an der sich Deutschland und Frankreich gemeinsam beteiligen, weil mir da die Schnittmengen gross genug erscheinen. Ich wäre aber ein entschiedener Gegner eines gemeinsamen Staates, weil wir uns da einfach keinen Gefallen getan hätten.

Wenn Journalismus keine Option gewesen wäre, wo hätte es Sie dann hingezogen?

Wenn ich genug Grips gehabt hätte, wäre ich in die Wissenschaft gegangen. Ich hatte die Möglichkeit, eine Assistentenstelle an der Universität wahrzunehmen, habe mich dann aber dagegen entschieden, weil ich mir nicht zugetraut habe, ein sehr guter Professor zu werden. 

Gab es in Ihrer Laufbahn einen Moment, in dem Sie Ihre Rolle als Journalist hinterfragt haben?

Als junger Journalist habe ich im Prozess der Schaffung der Europäischen Währungsunion einen Kommentar geschrieben, in dem ich nicht an dem Projekt Kritik geäussert habe, sondern an der Art und Weise, wie damals Frankreich und Deutschland miteinander umgegangen sind.

Daraufhin erhielt ich am nächsten Tag eine ganze Reihe von Reaktionen: Ich würde als Totengräber der Europäischen Währungsunion in die Geschichte eingehen. Das habe ich nie ernst genommen, aber das war so ein Moment, in dem ich mich gefragt habe: Bin ich qualifiziert genug, solche Urteile abzugeben?

Ich habe den Kommentar Jahre später noch einmal gelesen und würde sagen, das war alles völlig in Ordnung. Darüber hinaus bin ich auch nicht als Totengräber der Europäischen Währungsunion in die Geschichte eingegangen – sie hat trotzdem stattgefunden.

Was ist aus Ihrer Sicht die Hauptaufgabe eines etablierten Mediums wie der F.A.Z., und vor welchen Herausforderungen steht Ihr Medienhaus derzeit besonders?

Das ist zunächst einmal die Übermittlung von Nachrichten, aber durchaus auch die Bereitschaft, Kommentare und Einordnungen anzubieten. Diese Nachfrage hat in den vergangenen 20 Jahren erheblich zugenommen.

Viele Menschen sind ungeheuer interessiert an dem, was in der Welt passiert. Sie empfinden das aber als sehr unübersichtlich und hektisch. So existiert eine sehr starke Nachfrage nach Einordnungen und Erläuterungen.

Die grossen Herausforderungen liegen selbstverständlich in der Transformation in eine digitale Medienwelt: die Frage, wie ein traditionelles Medienhaus wie die F.A.Z., das vom Papier kommt, seinen Weg in die digitale Welt gestaltet.

Wie würden Sie sagen, beeinflusst KI Ihren Alltag, und wie kommt sie zum Einsatz?

Wir nutzen KI sowohl im Verlag als auch in der Redaktion. Die Herausgeber haben aber einen Beschluss gefasst, nach dem wir keine von KI geschriebenen Artikel und keine von KI generierten Bilder veröffentlichen. Es sei denn für Demonstrationszwecke. Ansonsten dürfen Journalistinnen und Journalisten KI nutzen, etwa als Recherchetool. Aber sie sollen die Artikel selbst schreiben. 

KI wird sicherlich im Laufe der Zeit eine grössere Rolle spielen. Man kann sie zum Beispiel für die Webseiten-Steuerung einsetzen. Wir nutzen sie auch da als Informationstool, steuern allerdings die Webseiten nach wie vor durch Menschen.

Immer mehr Menschen beziehen ihre Informationen über alternative Kanäle und soziale Medien. Was kann ein Medium wie die F.A.Z. tun, um in diesem veränderten Umfeld Relevanz und Vertrauen zu sichern?

Sie muss die Reputation bewahren, ein zuverlässiges Medium zu sein. Denn es existiert nach wie vor eine starke Nachfrage bei vielen Menschen nach zuverlässigen Medien. Die Bevölkerung konsumiert zwar auch soziale Medien, aber die meisten Menschen wissen, was sie davon erwarten können und was vielleicht auch nicht.

Wenn Sie auf die nächsten zehn Jahre blicken: Was wäre ein Erfolgskriterium dafür, dass Medien wie die F.A.Z. ihre Rolle in der Demokratie gut erfüllt haben?

Das Kriterium wäre der wirtschaftliche und publizistische Erfolg, also die Frage, wie gut uns diese digitale Transformation gelingt.

Wenn wir uns gut am Markt halten, vielleicht unsere Stellung sogar noch ausbauen, dann wäre das ein wunderbarer Erfolg. Nicht nur für das Unternehmen, sondern tatsächlich auch ein kleiner Erfolg für die Demokratie.

Gibt es ein aktuelles wirtschaftspolitisches Thema, bei dem Sie den Eindruck haben, dass viele Medien derzeit derselben Erzählung folgen?

Ein Thema, bei dem es sich gerade ändert, ist das Rententhema in Deutschland. Wir haben eine, von unserer Seite, sehr stark kritisierte Politik gehabt, bei der die grossen deutschen Parteien doch sehr stark die Partikularinteressen von Rentnern gegenüber den Interessen anderer Bevölkerungsteile bevorzugt haben. Wir sehen Umfragen, nach denen viele ältere Deutsche durchaus erkennen, dass wir eine Rentenpolitik betreiben müssen, bei der auch die jüngeren Generationen zu ihrem Recht kommen.

Genauso wie sich vor zwei, drei Jahren die Einstellung zum Thema Verteidigung geändert hat, das in Deutschland mehr oder weniger erledigt war. Nun kommt dort doch eine viel grössere Menge an Meinungen und Betrachtungsweisen vor.

Sie argumentieren, dass Deutschland eine Grand Strategy braucht. Wenn Sie sich auf einen Punkt fokussieren müssten: An welcher wirtschaftspolitischen Weichenstellung entscheidet sich aus Ihrer Sicht, ob Deutschland in den nächsten Jahren auf- oder absteigt?

Es ist die Wiedergewinnung von Wettbewerbsfähigkeit. Hierzu muss man sehen, dass wir – aus der Sicht eines Volkswirts gesprochen – in einer Olson-Welt leben. Die geht zurück auf den amerikanischen Ökonomen Mancur Olson. Er hat vor Jahrzehnten die Gefahr beschrieben, dass erfolgreiche, stabile Länder im Laufe der Zeit starr werden, weil sie annehmen, dass die vergangenen Erfolge einfach fortgeschrieben werden können.

Das sehen Sie in Deutschland. Wenn man sehr lange sehr erfolgreich ist und in stabilen Verhältnissen lebt, nimmt man Erfolg als gegeben an, und dann setzen sich Partikularinteressen durch. Olson hat beschrieben, wie es den Vertretern von Partikularinteressen gelingt, Regierungen für sich einzunehmen.

Die Politik interveniert dann immer stärker im öffentlichen Leben und auch im Wirtschaftsleben. So entstehen viele Regulierungen. Im Endeffekt haben wir einen gelähmten Staat und eine gelähmte Gesellschaft. Und das findet sich nach Jahrzehnten des Erfolgs in der Bundesrepublik Deutschland stark wieder. Wenn wir uns über Bürokratie beklagen, muss man wissen: Bürokratie ist nicht allein, aber zum grossen Teil das Ergebnis von Regulierungen, die Partikularinteressen gefallen sollten.

Deswegen können wir hundert Gesetze zum Bürokratieabbau beschliessen. Gegen die Bürokratie können Sie erst etwas machen, wenn die Politik aufhört, Partikularinteressen zu verfolgen. Wir brauchen die Erkenntnis, dass es ein Gesamtinteresse gibt, das wichtiger ist als die Partikularinteressen. In dem Moment, in dem das in einer Gesellschaft akzeptiert ist und die Politik dem folgt, werden wir die Massnahmen treffen, die wir brauchen, um die Wettbewerbsfähigkeit wieder zu verbessern.

Wie würden Sie es aktuell einschätzen: Wohin bewegt sich Deutschland? Gibt es überhaupt Bewegungen, oder ist die gesamte Lage eher noch stagnierend?

Wir haben drei grosse Herausforderungen:

Einerseits eine komplette Änderung der Weltlage, der Geopolitik. Das hat Folgen für die Globalisierung, und die ist wichtig für Deutschland.

Dann haben wir einen demografischen Wandel, der in seiner Bedeutung immer noch dramatisch unterschätzt wird. Bis 2036 werden in Deutschland etwa 19 Millionen Menschen in den Ruhestand treten, aber von der Demografie her nur 12 Millionen nachrücken. Das ist ein Delta von 7 Millionen Menschen, die keine Steuern zahlen, nicht in die Sozialversicherung einzahlen, nichts produzieren.

Gleichzeitig haben wir dann sehr viel mehr Menschen in den sozialen Sicherungssystemen, in der Rente. Genauso werden ältere Menschen höhere Krankheits- und Pflegeausgaben erzeugen. Das liegt in der Natur der Sache.

Die einzige Lösung ist technischer Fortschritt. Den haben wir mit der digitalen Revolution, die die Politik zulassen muss und nicht gleich regulieren darf.

Das sind die grossen Herausforderungen und Aufgaben, die gewählte Regierungen überfordern, wenn keine Unterstützung der Gesellschaft existiert, denn es braucht gesellschaftliche Mehrheiten, um solche Massnahmen durchzusetzen.

Daraus sollten idealerweise Anreize für die Politik entstehen, die Massnahmen zu treffen, die man braucht. Das braucht Zeit, aber es gibt Diskussionen, die in Gang kommen. Insofern bin ich gemässigt optimistisch.

Wie lässt sich verhindern, dass etablierte Wirtschaftsmedien zum Sprachrohr einzelner Interessen werden – etwa von Banken, Verbänden oder Notenbanken?

Das sind drei Punkte:

Sie brauchen erstens die wirtschaftliche Unabhängigkeit eines Mediums. Das Kapital der F.A.Z. GmbH liegt zu etwa 94 Prozent in der gemeinnützigen FAZIT-Stiftung und zu 6 Prozent bei den Herausgebern. Sodass es keine fremden Eigentümer gibt, die uns etwas aufzwingen können.

Zweitens ist die Unabhängigkeit der Redaktion bei der F.A.Z. gesichert durch den sogenannten Herausgebervertrag, der die publizistische Unabhängigkeit der Herausgeber festschreibt.

Und drittens braucht es möglichst kompetente Wirtschaftsjournalistinnen und Wirtschaftsjournalisten. Wenn Sie mit dem Vorstandsvorsitzenden eines Unternehmens sprechen oder mit der Präsidentin der Europäischen Zentralbank oder mit der Bundeswirtschaftsministerin, merken die in aller Regel innerhalb ganz kurzer Zeit, ob Sie etwas draufhaben oder nicht. Je mehr Respekt man Ihnen gegenüber hat, weil die Person sagt: «Da sitzt jemand, der versteht tatsächlich etwas davon», umso geringer ist die Neigung, dieser Person irgendetwas zu erzählen, was man ihr gerne erzählen möchte.

Dieser letzte Punkt wird, glaube ich, sehr unterschätzt im Zusammenhang mit dem Unabhängigkeitsthema.

Was macht für Sie guten Wirtschaftsjournalismus aus, und welche Rolle hat er in der heutigen Zeit?

Er beginnt – da bin ich sehr altmodisch – mit der Kompetenzanmutung. Journalistinnen und Journalisten müssen Kompetenz ausstrahlen, ansonsten werden sie nicht ernst genommen, weder von Gesprächspartnern im Beruf noch von ihrem Publikum.

Es besteht die Gefahr, dass anstelle von Kompetenz so etwas wie Haltung tritt: das Verlangen, zu Themen vor allem Position beziehen zu wollen. Aber der Journalismus beginnt mit dem Inhalt, mit der Nachricht, mit der Frage: Worum geht es hier eigentlich? 

Im 19. Jahrhundert war es der Manchester Guardian, der die Formel geprägt hat: «Comments are free, but facts are sacred.» Das ist wichtig. Sie müssen als Allererstes faktensicher sein, danach können Sie sich auch Kommentare erlauben.

Im Journalismus gibt es eine Neigung, vor allem Kommentare, Einstellungen, Haltungen zu kommunizieren, hinter denen sich möglicherweise nicht immer sehr viel Inhaltliches verbirgt. Und das schadet uns mehr als so vieles andere.

Welchen Rat haben Sie für Wirtschaftsstudierende, die später mal Verantwortung in Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft übernehmen wollen?

Sich engagieren. Wenn Sie in die Wirtschaft wollen, Praktika bei ganz unterschiedlichen Unternehmen machen, Erfahrungen sammeln, und zwar möglichst früh. Zusätzlich ist soziales und – wenn man es möchte – politisches Engagement gar nicht schlecht. 

Beim politischen Engagement muss man wissen, inwieweit man es für eine Karriere für sinnvoll hält, sich stärker zu einer bestimmten Partei zu bekennen.

Es ist wichtig, sich für die Themen zu interessieren, die es in dieser Zeit gibt, um sprechfähig zu sein. Wenn Sie sich in einem gesellschaftlichen oder beruflichen Zusammenhang befinden, in dem ein wichtiges Thema zur Sprache kommt, sollten Sie nicht jedes Mal blank sein.

Und wie schon gesagt: Es ist schön, viel zu wissen, aber nur mit dem Wissen in einer Ecke zu sitzen, wird nicht reichen. Es ist nach wie vor wichtig, Menschen im persönlichen Gespräch überzeugen zu können.

Geboren 1960 in Bad Homburg. Nach Banklehre und Studium der Volkswirtschaftslehre 1988 Eintritt in die Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Von 1995 bis 2004 Korrespondent in Paris. Nach drei Jahren in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von 2007 bis 2019 Ressortleiter Finanzen in der F.A.Z. Seit 2019 Herausgeber. Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik 2024.

Latest from Politics